Mittwoch, 10. August 2022

Lohn-Preis-Spirale: Die einseitige Argumentation mit der Inflation

Wenn Gewerkschaften höhere Löhne fordern, wird ihnen vorgehalten, die Inflation anzuheizen, weil sie zu einer Lohn-Preis-Spirale beitrügen. Wieso aber kommt das selbe Argument nicht bei Unternehmen, die die Preise erhöhen? Diese heizen doch ebenso die Inflation an.

Wie kommt es eigentlich, dass wir (vermutlich nicht nur) in Deutschland diese völlig arbeitgeberzentrierte Sichtweise auf wirtschaftliche Dinge zu haben scheinen? Im sozialen Netzwerk Jodel stellte ich gestern folgende Aussage in den Raum:

Wenn Gewerkschaften wegen der Inflation Lohnerhöhungen fordern, wird sofort behauptet, es komme zur Lohn-Preis-Spirale. Aber das selbe könnte man auch den Unternehmen sagen. Wenn sie wegen höherer Kosten die Preise anheben, dann treiben sie damit die Inflation an. Heuchlerisch.”

Inflation Lohn-Preis-Spirale
Quelle: pixabay.de / Mediamodifier

Sofort wurde mir völlige Unkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge und Populismus vorgeworfen. “Kein Unternehmen agiert gewinnfrei oder akzeptiert sinkende Gewinne”, schrieb jemand. Ein anderer behauptete “‘Wegen der Inflation muss mir das Unternehmen mehr Geld geben’ ist einfach nur populistisch”. Ein/e weitere/r Jodler:in fand “Wenn Unternehmen höhere Kosten haben, müssen sie natürlich auch die Verkaufspreise erhöhen”. Nun finde ich es nicht grundsätzlich verwerflich, dass ein Unternehmen, dessen Produktionskosten steigen, die Preise erhöht. Das kann durchaus gerechtfertigt sein. Ich wundere mich allerdings, dass es dafür sehr viel Verständnis zu geben scheint, die Forderungen nach Lohnerhöhungen von Gewerkschaften dann aber regelmäßig damit abgetan werden, man heize dadurch die Inflation nur weiter an. Als wenn die Unternehmen mit Preiserhöhungen nicht an der Inflation beteiligt wären.

Die umstrittene Lohn-Preis-Spirale

Zunächst einmal erscheint das Konzept der Lohn-Preis-Spirale logisch. Steigen die Kosten der Unternehmen, erhöhen diese die Preise. Die Produkte werden teurer, die Verbraucher wollen mehr Lohn, damit sie ihren Lebensstandard halten können. Durch höhere Löhne steigen die Produktionskosten weiter und die Unternehmen sehen sich zu weiteren Preiserhöhungen gezwungen, was die Gewerkschaften wieder zu höheren Lohnforderungen treibt. Ein vermeintlicher Teufelskreis. Aber wie so viele Theorien ist das Modell der Lohn-Preis-Spirale stark vereinfacht und außerdem noch umstritten. Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), nennt die Warnung vor einer Lohn-Preis-Spirale in der derzeitigen Situation einen “Mythos”:

Nie jedoch waren die Voraussetzungen für eine Lohn-Preis-Spirale in Deutschland in den letzten 70 Jahren weniger gegeben als heute. Die realen Löhne und damit die Kaufkraft der Einkommen dürften mit durchschnittlichen Lohnerhöhungen von 4 bis 5 Prozent und einer Inflation von über 7 Prozent in diesem Jahr deutlich sinken. Vieles spricht dafür, dass die Lohnentwicklung eher zu schwach als zu stark ist. Denn einige große Unternehmen in Deutschland fahren hohe Gewinne ein und schütten Dividenden aus. Das Wachstum der Produktivität ist weiterhin robust und der Anstieg der Lohnstückkosten eher moderat. Es scheint also, dass zumindest in manchen Branchen die Unternehmen das größte Stück des Kuchens für sich beanspruchen und ihre Beschäftigen zum Verzicht drängen.

Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Hinzu kommt, dass ein Unternehmer, dessen Produktionskosten steigen, ja nicht nur die Möglichkeit hat, die Endverbraucherpreise zu erhöhen. Er kann beispielsweise versuchen, die Produktion effizienter zu machen. Oder er kann sogar, im Sinne des Allgemeinwohls, auch mal weniger Gewinn machen als im Vorjahr, um eben nicht zu einer sich verstetigenden Inflation beizutragen.

Dem Angestellten wird ein Verlust zugemutet, dem Unternehmer nicht

Das ist das Verrückte: Dem Angestellten wird schnell zugemutet, seinen Lebensstandard auch mal einzuschränken (“Dann kannst du eben nicht so oft Essen gehen”). Wenn man aber vom Unternehmer fordert, vielleicht ein wenig weniger Gewinn zu machen, ist das Geschrei groß und es wird der Sozialismus an die Wand gemalt. Amazon hat im letzten Jahr mehr als 33 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Im 2. Quartal 2022 gab es hauptsächlich deshalb einen Verlust von 3,8 Milliarden Dollar, weil der Kauf des Elektroautoherstellers Rivian mit 7,8 Milliarden Euro abgeschrieben wurde. Es läuft also immer noch ziemlich gut bei Amazon. Und trotzdem werden die Preise für Amazon Prime erhöht. Muss das wirklich sein?

Das Beispiel Belgien

Nun sind sicherlich die wenigsten Unternehmen in Deutschland mit Amazon zu vergleichen. Trotzdem darf nicht einseitig Lohnzurückhaltung gefordert werden, während man größtes Verständnis für Preiserhöhungen von Unternehmen zeigt. Dass es auch anders geht, zeigt unter anderem Belgien. Dort gibt es eine so genannte Lohnindexierung. Steigt die Inflationsrate, so werden automatisch die Löhne angepasst. Darüber freuen sich gerade die EU-Beamt:innen und -Abgeordneten, die davon profitieren, während die Europäische Zentralbank genau diese Lohnindexierung seit Jahren kritisiert.

Die Last auf allen Schultern verteilen

Auch aus der Wirtschaft gibt es immer wieder Kritik an dem System. In den 1970er Jahren hatte es in Belgien mit zu wirtschaftlichen Problemen geführt, die bis in die 90er Jahre reichten. Allerdings deshalb, weil man damals ins genaue Gegenteil der von mir kritisierten Haltung verfallen war. Dort wurden die Bürger auf Teufel komm raus vor Einschnitten bewahrt. Das ging zu Lasten der Wirtschaft. So fordert Wim Coumans, in den 1970ern Kabinettschef mehrerer belgischer Premierminister, auch heute nicht etwa die Abschaffung der Lohnindexierung, sondern eine gerechte Verteilung der Lasten. Es gelte, diesen Verlust auf alle Schultern zu verteilen – Staat, Betriebe und eben auch Bürger. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.

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